Wohlriechender Kaffeeduft mischt sich an diesem Augustnachmittag mit der warmen Sommerluft. Wir sitzen auf der Terrasse mit Blick ins Grüne. Wir hören die Vögel zwitschern, das fröhliche Gelächter aus Nachbars Garten und hier und da einen Flieger am makellos blauen Himmel.

Irgendwie kitschig, sage ich zu Christina, meiner heutigen Gesprächspartnerin. Sie entgegnet: „Lass es uns genießen. Das gelingt mir übrigens heute viel besser als noch vor zwanzig Jahren. Ich lebe schon bewusster, sehe vieles lockerer und, Katastrophen, die gibt es heute für mich nicht mehr.“

Christina, August 2017

Christina, geboren 1966, ist eine lebensbejahende Frau, mitten im Leben, wie sie mir erzählt. Sie hat einen inzwischen erwachsenen Sohn, einen ausfüllenden Beruf und ein ausgeglichenes Privatleben. Ihr Sohn plant derzeit seinen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung.

Hast du Angst vor dem Alleinsein, frage ich.
„Nein, im Gegenteil, sie lacht, „ich freue mich auf die Zeit ohne Verpflichtungen. Das kenne ich so nicht. Ich war allein erziehend und da bist du stets Mutter und Vater, also immer gefordert. Mein Sohn und ich sind ein gutes Team und das wird auch bei getrennten Wohnungen so bleiben. Außerdem bin ich nicht allein. Ich lebe in einer liebevollen, harmonischen Partnerschaft, allerdings in Fernbeziehung, und ich habe gute Freunde.

Partnerschaft, das ist ein gutes Stichwort. Auf meine Frage hin erzählt mir die quirlige Fünfzigerin, dass Freiräume in einer Beziehung für sie sehr wichtig sind. „Den Partner so annehmen zu können, wie er ist, das ist eine meiner Stärken. Jeder soll sich entwickeln können. Auch das hat sich mit zunehmendem Alter bei mir verfestigt. Vielleicht, weil ich mit mir selbst viel liebevoller umgehen kann.

Als junge Frau wollte Christina immer etwas bewegen. Sie war ruhelos, hatte den Kopf voller Ideen, aber keine konkreten Ziele. „Dennoch“, sagt sie selbstbewusst, „bin ich mit meinem Leben sehr zufrieden. Es hat sich nicht immer alles so entwickelt, wie geplant, aber auch das hat mich geprägt.  Nimm meine Berufswahl“, und da ist wieder das Blitzen in ihren Augen, „heute leite ich eine Filiale mit Schwerpunkt Personalentwicklung, beruflich bin ich aber ganz anders gestartet, im Gesundheitswesen. Als sich eine berufliche Chance zur Neuorientierung ergab, habe ich zugegriffen. Und meinst du, da habe ich damals lange überlegt?“

Wird man mit zunehmendem Alter gelassener, frage ich ganz konkret.
Christina zögert einen Moment,  „Vielleicht, oder doch, ganz sicher? Ich kann dir das gar nicht so beantworten. Ich habe mich schon immer treiben lassen, bin einfach losgelaufen, wollte entdecken und Hindernisse haben mich nie geschreckt. Gelassenheit ist sicher auch eine Charaktereigenschaft.

 Was bedeutet für dich, die sogenannte Lebensmitte, möchte ich nun ganz genau von Christina wissen.
„ Fifty-fifty! Und jetzt ab der Lebensmitte kommt nochmal eine spannende, intensive Zeit.“ Ihre Stimme klingt dabei fest und zuversichtlich.

Hast du Wünsche für diese Zeit?
„Gesundheit, selbstbestimmt leben, dass es meiner Familie und meinen Freunden gut geht.“ antwortet Christina und erzählt mir von ihrem Unfall auf der Autobahn vor wenigen Jahren. „Das war knapp“, sagt sie leise, „und mir ist einmal mehr bewusst geworden, wie schnell das Leben vorbei sein oder sich ändern kann. Ich wünsche mir, dass am Ende meines Lebens nicht der Gedanke steht, ich habe vieles versäumt. Christina spricht jetzt mehr zu sich selbst. Ihre Augen wirken für einen kurzen Moment nachdenklich.
„Weißt du, sagt sie“ wenige Minuten später „es gab auch schon traurige Situationen in meinem Leben.“ Sie erzählt mir von der Trennung von ihrem Ehemann, den sie jung und voller Lebenslust geheiratet hat, von den vielen schmerzhaften Enttäuschungen, ihrem Hadern, sich zu trennen und dem Neuanfang nach der Ehe, mit Kind, der nicht einfach war. Die Fotos, Erinnerungen an ihre Ehejahre hat sie nicht weggeworfen sondern in den Kellern verbannt, irgendwann wird sie entscheiden, was damit geschehen soll. Auch das ist Christina.

In Gedanken, August 2017

Sie möchte heute sie selbst sein, keine Rollen mehr spielen oder erfüllen müssen. Sie weiß, dass man im Leben viele Rollen hat, aber es ist ihr heute nicht mehr wichtig, daran gemessen zu werden. Als junges Mädchen war der attraktiven Frau nicht egal, was andere über sie dachten. Sie hat stets versucht, deren Bild zu erfüllen.
„Egal ob Mutter, Tochter, Geliebte, Filialleitung, Freundin…, ich habe keine Angst mehr, wenn ich diese Rollen nicht erfüllen kann. Und das befreit ungemein, sagt sie ohne zu zögern. Dennoch hinterfragt sie sich selbst auch heute noch ab und an, geht kritisch mit sich um – viel zu kritisch, wie ich empfinde. Mir gegenüber sitzt eine lebensfrohe, humorvolle, kluge Frau.

Welche Rolle in einem Theaterstück wäre die deine, frage ich spontan.
„Du stellst ja Fragen! Natürlich die komische Alte und die junge Geliebte, auf keinen Fall, die Naive. Und jetzt sage nicht, das geht nicht!“, antwortet sie fröhlich. Wir lachen beide, ein schöner Nachmittag.

Christinas Herzenswunsch wäre eine Reise nach Irland. In ihren Hobbys, Sport und Musik, findet sie Entspannung. Und ihr Lebensmotto „Ich habe noch keine Sackgasse gefunden, in der sich nicht wenden lässt.“ klingt gut und lässt mich an diesem Nachmittag wiederholt schmunzeln.

Wir plaudern, wir lachen, wir genießen. Christinas Fröhlichkeit ist ansteckend, ihr Humor manchmal ein wenig schwarz. Ihr positives Lebensgefühl schwingt in jedem ihrer Sätze. Bevor wir uns verabschieden, stelle ich auch Christina noch die drei besonderen Fragen.

Ich kann besonders gut…
„Probleme erkennen und Lösungen finden, diese auch annehmen.“

Andere denken über mich
„sehr unterschiedlich, aber Menschen an der Bushaltestelle möchten immer mit mir erzählen.

Ich bin einzigartig, weil
„ich facettenreich bin.“

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Christina, geboren 1966, Filialleitung
Interview: August 2017

 

 

 

Kategorien: Frauen

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